HOMBERGER HINGUCKER MAGAZIN

2008 – 2021 Informationen zur Kommunalpolitik in der Kreisstadt Homberg (Efze) – ab 2021 HOMBERGER HINGUCKER MAGAZIN

Ein Jahr Schweigen zum Text auf der Stele der Toleranz

  
Vor einem Jahr, am 10. Juli 2024, wurde in Homberg an dem zentralen Platz "Drehscheibe" eine Stele mit einem bis dahin nicht bekannt gemachten Text eingeweiht.
Dabei waren der Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, der Bürgermeister, Vertreter des Lions-Clubs und des Netzwerks Stele der Toleranz, sowie auch Schüler und Schulleiter des nahen Gymnasiums. 
  

Der Text endet mit einem irritierenden Appell:

… und jede Kette ist nur so stark wie ihr
schwächstes Glied. Daher der Appell:
stärke dein Immunsystem täglich und
bewusst. Für unsere Demokratie, unser
Deutschland, unsere Heimat und für
deine Nachbarn.

  
Der Appell ist erst einmal unverständlich, wie soll das "Immunsystem täglich und bewusst" gestärkt werden?

Erst wenn man den gesamten Text mit seinen Rechtschreibfehlern liest, wird deutlich, hier wird die Geschichte der NS-Zeit umgeschrieben. Wie ein Virus sei das braune Gedankengut über die Menschen gekommen, die durch Entbehrungen geschwächt waren und so dem Virus zum Opfer fielen.   

Keiner der Beteiligten an der Einweihung, keiner der Spender der 30.000 Euro teuren Stele reagierte auf die verstörende Verfälschung der Geschichte. 

 

Foto: Stele der Toleranz in Homberg (Efze) ein Jahr nach der Einweihung. Das Umfeld ist ungepflegt.


Am 10. Januar 2025 wurde Bürgermeister Dr. Ritz in einem offenen Brief aufgefordert, den Text auf Kosten der Verursacher entfernen zu lassen, denn der Text war nicht bekannt, als die Stadtverordneten zustimmten, die Stele der Toleranz aufzustellen und in das Eigentum der Stadt zu übernehmen. Diese Form, den Text ohne vorherige Bekanntgabe auf der Stele anzubringen, entwürdigt den Gedanken der Toleranz, ebenso die nachträgliche Umdeutung von einem Aufruf von Toleranz oder zu einem Mahnmal.

Erst als im November 2024 der Hessische Rundfunk darüber berichtete, reagierte der Bürgermeister auf die Stele. Nachdem auch die Leiterin des Arolsen Archivs, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung, den Text kritisierte, gab es eine Reaktion. Die Stele wurde umdefiniert, sie sollte jetzt ein Mahnmal sein. Der Bürgermeister erklärte, der Text werde geändert. 

Im Mai 2025 hatte sich auch der hessische Antisemitismusbeauftragte beim Bürgermeister für eine Änderung des Textes eingesetzt, er schrieb: 

Nach meinem Kenntnisstand wird seitens der Stadt bereits daran gearbeitet, den Text der Stele zu verändern.
Ich vertraue darauf, dass dies im Sinne der Intention der Stele, nämlich primär der Erinnerung und dem Gedenken Rechnung zu tragen, geschieht.


Im Juni 2025 nutzte auch die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Frau Dr. Hofmann bei einem Besuch in Homberg die Gelegenheit, den Bürgermeister darauf anzusprechen. 

Ihr Sekretariat schrieb am 4. Juli 2025

Bischöfin Dr. Hofmann dankt Ihnen für Ihren Hinweis auf den verunglückten Text auf der „Stele der Toleranz“.

Sie konnte einen Termin am Montag nutzen, um den Bürgermeister darauf anzusprechen.
Er hat erklärt, dass eine Änderung des Textes bereits umgesetzt wird.

Am 10. Juli 2025, ein Jahr nach der Einweihung, ist der Text an der Stele noch nicht verändert oder entfernt. Ein Textentwurf ist auch nicht bekannt gemacht worden, den die Öffentlichkeit hätte diskutieren können.
Ein Jahr lang haben alle geschwiegen, die die Stele mit diesem Text eingeweiht hatten, so wie auch andere Institutionen, die sich mit der NS-Geschichte befassen.

Ein Jahr lang hat der Bürgermeister seinen Worten keine Taten folgen lassen. Diese Erfahrungen haben die Homberger bisher schon öfter gemacht. 
Selbst bei einem so sensiblen Thema reagierte der Bürgermeister nicht umgehend. Er hat damit an Glaubwürdigkeit verloren. 

 


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