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1781 Ziegenhain: „Fremde aller Art wurden angehalten eingesteckt, fortgeschickt.“

Am 28.04.2026 berichtete die HNA [1] aus Anlass des Festungs-Jubiläums in Schwalmstadt über die Soldaten die der Landesfürst vor 250 Jahren nach Amerika verkaufte.

Der Bericht klingt sehr beschönigend, so als ob sich Soldaten freiwillig zum Dienst in Amerika beworben haben. 

Wie auch in Homberg, wo die Geschichte verfälscht dargestellt wird: 
Bei Martin Luther wird sein Kampf gegen Bauern und Juden ausgeblendet,
Hans Staden "kämpfte gegen aufständische Indianer" schreibt die Stadt und schweigt zu dem Beginn des Kolonialmus und
in der Neuzeit die begeisterte Zustimmung der Mehrheit zur NS-Politik auf der Stele der Toleranz.

Johann Gottfried Seume war 18 Jahre alt und auf dem Weg zur Universität in Paris, bei der er als Student eingeschrieben war. Er wurde gefangen genommen und verkauft.
Später schrieb er darüber in "Mein Leben"

 

 

"Fremde aller Art wurden angehalten, eingesteckt, fortgeschickt."


Den dritten Abend übernachtete ich in Bach, und hier übernahm trotz allem Protest der Landgraf von Kassel, der damalige große Menschenmakler durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren Nachtquartier nach Ziegenhain, Kassel und weiter nach der neuen Welt.

Also war ich eine Prise das Schicksals und mußte nun werden, wozu ich an der Hand desselben mich selbst machte.
Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhain, wo der Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem nächsten Frühjahr nach Fawcets Besichtigung nach Amerika zu gehen.

Ich ergab mich in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war.

Wir lagen lange in Ziegenhain, ehe die gehörige Anzahl der Re­kruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten zusammengebracht wurde. Die Ge­schichte und Periode ist bekannt genug: niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher; Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke.

Fremde aller Art wurden angehalten eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriß man meine aka­demische Inskription als das einzige Instrument mei­ner Legitimierung.
Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall; wo so viele durchkommen, wirst du auch; über den Ozean zu schwimmen war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So dachte ich.

Wäh­rend unseres Aufenthalts in Ziegenhain brauchte mich der alte General Göre zum Schreiben und behandelete mich mit vieler Freundlichkeit. Hier war denn ein wah­res Quodlibet von Menschenseelen zusammengeschich­tet, gute und schlechte und andere, die abwechselnd beide waren.

Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus Jena, ein bankrotter Kauf­mann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus Würzburg, ein Oberamtmann aus Meinungen, ein preußischer Husarenwachtmeister, ein kassierter hessischer Major von der Festung und andere von ähn­lichem Stempel.

Man kann denken, daß es an Unter­haltung nicht fehlen konnte; und nur eine Skizze von dem Leben der Herren müßte eine unterhaltende, lehrreiche Lektüre sein.

nach "Prosaschriften" 1974

Auch schon in Wikipedia [2]kann man lesen:

„Seume studierte 1780/81 an der Universität Leipzig [3] Theologie [4] und wurde 1781 auf dem Weg nach Paris [5] von hessischen Soldatenwerbern [6] ergriffen, zum Dienst in der Armee gezwungen und vom Landgrafen von Hessen-Kassel [7] an England für den Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg [8] vermietet [9]"